Kefas Welt

aus dem Leben einer Referendarin

Mündige Bürger?

Posted By Kefa on 14. April 2008

Heute hab ich zufällig bei Spiegel einen Artikel von Herrn Broder gelesen. Grundsätzlich vermeide ich es ja, mehr als die Überschrift von ihm zu lesen, weil ich ansonsten nach der Lektüre meinen Kopf gegen die Wand schlagen oder zumindest in die Tischkante beißen möchte (bei Herrn Broder scheiden sich ja wirklich die Geister, ich war kurzzeitig ganz gefesselt von den Diskussionen da im Forum über ihn und seine Arbeit.)

Doch heute wurde ich hellhörig, weil ich vor kurzem über den Blog eines Kollegen auf einen Artikel von Broder aufmerksam geworden bin, der fast genau das gleiche Thema behandelte. Ich wollte eigentlich nur wissen, was es denn plötzlich für neue Erkentnisse gibt bzw. ob bei Spiegel jetzt schon zweimal der gleiche Artikel veröffentlicht wird, wenn es nichts mehr über China oder Frau Merkels Ausschnitt zu berichten gibt.

Der neue Artikel unterscheidet sich aber doch ein wenig von dem alten. Diesmal geht Herr Broder nicht so sehr auf die Geschichte von Casting-Shows ein, sondern mehr darauf, dass die Jugendlichen eben gerade nicht vor solchen Shows geschützt werden müssten, weil man sie dann entmündigt und dass sie aus den dort gemachten Erfahrungen doch besser lernen könnten.

Ich empfehle Herrn Broder in diesem Zusammenhang die Lektüre von “Erziehung zur Mündigkeit” (T. W. Adorno). Es ist nämlich mitnichten so, dass man als Mensch mündig zur Welt kommt oder alleine aus dem blinden Reinrennen ins Verderben so viel Erfahrung sammelt, dass man am Ende mündig ist. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass man mit 14 “religionsmündig” ist.

ISBN: 3518365118

Außerdem finde ich, Mündigkeit und / oder Erziehung zur Mündigkeit hat etwas mit Selbstreflexion, Autonomie, Kreativität, Wertschätzung und Motivation zu tun. Die Art und Weise, wie die Jury bei solchen Casting-Shows (allen voran natürlich DSDS) mit ihren Kandidaten umgeht, hat damit nun wiederum überhaupt gar nichts zu tun und wirkt eher kontraproduktiv. Unglücklicherweise sind scheinbar viele Eltern heutzutage auch nicht (mehr) in der Lage, ihren Kindern solche Dinge zu vermitteln, sitzen sie doch selber allwöchentlich vor der Glotze und lassen sich von so etwas berieseln.

Das Hauptproblem ist sicherlich, dass ZU VIELE Leute solche Sendungen sehen wollen. Sendungen, in denen wirkliche Musiker auftreten (z. B. “SSDSDSSWEMUGABRTLAD” = “Stefan sucht den Superstar, der singen soll, was er möchte, und gerne auch bei RTL auftreten darf” von Stefan Raab), befriedigen einfach nicht den typischen Elendstouristen. Und darum kann die Jury auch weiterhin seine Opfer Kandidaten beschimpfen, herabwürdigen und beleidigen bewerten.

Insofern ist ein Teilnahmeverbot für Minderjährige womöglich gar nicht die beste Idee, sondern es müsste vielmehr ein Ruck durch die deutsche Fernsehlandschaft gehen, die so einen Schwachsinn einfach nicht mehr sehen will. *träum*

Und so lange lassen wir weiterhin unser zukünftiges Prekariat unsere lernfähigen, erfahrungssammelnden Minderjährigen in bekloppte Castingshows laufen, in denen sie sich entweder nur zum Horst machen oder vielleicht sogar mit ein bisschen Glück einen Knebelvertrag ergattern und sich dann zum Horst machen… Und damit das möglichst nicht passiert, gestalten wir das Fernsehprogramm so um, dass die Bevölkerung vollends verblödet und keiner mehr überhaupt auf die Idee kommt, Adorno zu lesen, denn, wer solche Zitate bringt: “Ich fürchte mich nicht vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten.“ (Adorno), der könnte evtl. auch ein Volksverhetzer sein…

Jetzt hab ich mich in Rage geschrieben, darum schließe ich lieber mit folgendem Zitat:

Ich würde (…) sagen, daß die Gestalt, in der Mündigkeit sich heute konkretisiert, die ja gar nicht ohne weiteres vorausgesetzt werden kann, weil sie an allen, aber wirklich allen Stellen unseres Lebens überhaupt erst herzustellen wäre, daß also die einzige wirkliche Konkretisierung der Mündigkeit darin besteht, dass die paar Menschen, die dazu gesonnen sind, mit aller Energie darauf hinzuwirken, daß die Erziehung eine Erziehung zum Widerspruch und zum Widerstand ist. (…)

Ich könnte mir etwa denken, dass man (…) gemeinsam kommerzielle Filme besucht und den Schülern ganz einfach zeigt, welcher Schwindel da vorliegt, wie verlogen das ist; dass man in einem ähnlichen Sinn sie immunisiert gegen gewisse Morgenprogramme, wie sie immer noch im Radio existieren, in denen ihnen sonntags früh frohgemute Musik vorgespielt wird, als ob wir, wie man so schön sagt, in einer “heilen Welt” leben würden; oder daß man mit ihnen einmal eine Illustrierte liest und ihnen zeigt, wie dabei mit ihnen unter Ausnutzung ihrer eigenen Triebbedürftigkeit Schlitten gefahren wird; (…)

(Erziehung zur Mündigkeit (1969), S. 145f)

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Comments

6 Responses to “Mündige Bürger?”

  1. Chilli sagt:

    Die binär-sichtigen Artikel des Herrn Broder polarisieren. Seine sehr simplen Herangehensweisen an zumeist recht komplexe Themenbereiche sorgen dafür. Die “Let’s-do-it-the-Lemming-Way” These halte ich auch für Schwachsinn. Nicht nur Heranwachsende müssen eine gute Form der Mündigkeit erlernen, der Alltag lehrt mich, dass auch manch ein Erwachsener dies noch nachholen sollte.

    In Bezug auf die heruntergekommen TV-Kultur muß ich gerade an einen Cartoon denken (weiß nicht mehr von wem). Dort gurkt ein UFO richtung Erde und empfängt unser TV-Program, sieht den ganzen Vormittagsmüll (Brüllshows, Gerichtslaientheater, etc.) , macht eine Vollbremsung und dreht um. Wieder am Heimatplaneten angekommen berichten die Aliens dann, dass es dort draussen kein intelligentes Leben gäbe. Zurecht, würde ich auch so machen … wenn ich ein Alien wäre. ;-)

  2. Ich habe dieses mal zum 1. Mal die Castings von DSDS geguckt. Gucke sonst wenig TV, mehr DVD und Kino, da weiß man eher was man bekommt. Aber egal. Ich muß sagen ich fand es brüllend komisch. Wir sollten immer bedenken, es ist die 5. (4. oder 6. – k.A.) Staffel dieser Sendung und es gab genug Nachahmer. D.h. JEDER, wirklich JEDER Kandidat sollte wissen, was ihn dort erwartet. Ich weiß, dass ich nicht singen kann, also mache ich mich dort nicht zum HORST. Viele andere scheinen zudenken, dass sie singen können und machen sich zum HORST. Selber schuld. Ich fands witzig und wesentlich unterhaltsamer als jede als witzig angekündigte Comedy die man so im TV findet. Und, by the way, nach den Castings habe ich abgeschaltet, weils total langweilig wird. Irgend eine aalglatte Figur gewinnt, macht ein Bohlen-Lied und ne Bohlen-CD, wird Nummer 1 und verschwindet auf Supermarkteröffnungen und OBI-Festen…. the same procedure as every year…

  3. fenris sagt:

    das ist aus einer simpsonsfolge @chilli

  4. Kefa sagt:

    Ich habs noch nie geschafft, mir eine komplette Folge anzuschauen… Mal abgesehen davon, dass wir ja keinen Fernseher mehr haben (weil er über nen Jahr ungenutzt rum stand), halte ich das einfach nicht aus, was man bei Youtube z.B. manchmal so findet… Ich kann daran nichts lustiges finden, ich möcht wohl eher heulen dann.

    Tja, aber genau das ist das Problem, die Leute wollen es sehen.

  5. Chilli sagt:

    @Thorben
    Das ging mir genauso. Da bin ich dann aber auch gerne Elendstourist (Mitleid bei den Härtefällen inklusive). Sobald die Gurken raus sind, wird’s langweilig. Der Real-Life Yoda war der Knüller.

    @fenris
    Ah ok, thx … woher auch sonst.

  6. Kefa sagt:

    Hm, es ist ja nicht so, dass ich das Phänomen nicht kenne. Ich seh mich noch damals (zu Schulzeiten) zuhause da sitzen und Talkshows oder Gerichtshows gucken, wenn Star Trek grad nicht kam.
    Was ich mich frage, ist aber:
    1) War das damals schon so schlimm?
    2) Wieso hab ich mir das abgewöhnt, woher kommt mein (recht radikaler) Sinneswandel?
    3) Wie gehe ich als Lehrerin damit um, dass Schüler sich mehr oder weniger intensiv damit befassen? Wie tolerant sollte und wie tolerant KANN ich sein?

    Interessanterweise besuche ich gerade das Seminar “Didaktik der Popularmusik”, vielleicht finde ich es noch raus in diesem Semester.

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